Einleitung

Die Welle ist das Meer – die Perspektive der Mystik

Beispiele von Gotteserfahrungen

Einordnung von Gotteserfahrungen

Gotteserfahrungen

Lässt sich Gott erfahren?
Wie sieht eine Gotteserfahrung aus?

Einleitung

Die Existenz eines Absolutums ist nicht zu beweisen – aber möglicherweise erfahrbar. Berichte über Gotteserfahrungen sind aus verschiedenen Kulturen und Zeitaltern überliefert. Die Erfahrungen weisen trotz des unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds interessante Parallelen auf. So wird die Erfahrung als nicht in menschliche Sprache fassbar und jenseits aller Konzepte und Vorstellungen beschrieben (Unaussprechlichkeit), aber auch mit innerer Erkenntnis, Zuständen von Glückseligkeit, unendlicher Liebe und Mitgefühl verbunden.

Die Welle ist das Meer – die Perspektive der Mystik

In der Mystik wird mehr Gewicht auf die praktische Gottessuche bzw. Gotteserfahrung gelegt als auf Schriften und theoretische Konzepte. Mystiker aller Zeiten und Religionen haben ihre Erkenntnisse sowie ihre tiefen Erfahrungen des Göttlichen dennoch immer wieder schriftlich festgehalten. Als Beispiel sei an dieser Stelle ein Ausschnitt auf dem lesenswerten Buch von Willigis Jäger "Die Welle ist das Meer" wiedergegeben:

"Wenn wir uns die Erste Wirklichkeit als einen unendlichen Ozean vorstellen, dann sind wir so etwas wie die Wellen auf diesem Meer. Wenn nun die Welle erfährt 'Ich bin das Meer', dann sind da immer noch zwei: Welle und Meer. In der mystischen Erfahrung aber wird auch diese Dualität überstiegen. Das Ich der Welle verfliesst, und an seiner statt erfährt das Meer sich als Welle. Es erfährt sich in der Einheit von beiden und als Einheit von beiden. Diesen Schritt vollzieht der Mystiker nicht, er widerfährt ihm. Er betrachtet die Wirklichkeit nicht mehr als sein Gegenüber, gleichsam von aussen, sondern er erfährt die Wirklichkeit von innen. Im Bild gesprochen: Er erfährt: Alles ist Welle und Ozean zugleich. Alles ist Ausdrucksform dieser einen Wirklichkeit. Und da alles Ausdrucksform derselben Wirklichkeit ist, gibt es auch eine absolute Verbundenheit mit allem. Das Meer ist alle Wellen und alle Wellen sind eine Einheit. Alles ist Kosmos, und alles im Kosmos ist Manifestation desselben kosmischen Seins. Das aber erfährt der Mystiker gerade darin, dass alle Unterscheidungen zwischen ihm und den Manifestationen des Seins aufhören. Mystik ist nicht jenseits von Gott und Welt. Mystik ist Gott und Welt, ein unteilbares Eines. Die Spannung zwischen den beiden Polen wird deshalb nicht aufgehoben. Es ist die Spannung zwischen dem einen Ende eines Stabes und dem anderen. Es ist die Spannung zwischen Welle und Meer, zwischen Ast und Baum. Gott und Mensch werden daher auch nicht gleich gesetzt. Das Meer offenbart sich als Welle. Meer und Welle kann man zwar verschieden ansprechen, aber ihr Wesen ist Wasser. Die Hand hat zwei Seiten. Wer mit dem Verstand hinschaut, muss eine Seite nach der anderen betrachten. Von innen werden beide Seiten als Eines erfahren. Deshalb ist es zugleich eine Erfahrung der völligen Leere und der totalen Fülle."

Willigis Jäger, Die Welle ist das Meer, Seite 42f

Beispiele von Gotteserfahrungen

In der religiösen und spirituellen Literatur sowie im Internet finden sich eine Reihe von Beschreibungen von Gotteserfahrungen aus unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten.

Bei allen diesen Beschreibungen ist freilich grosse Vorsicht geboten, denn wir wissen nicht, ob diese Menschen tatsächlich eine solche Erfahrung gemacht haben und wenn ja, diese auch einigermassen adäquat wiedergeben. Das gilt insbesondere für die oft reisserisch aufgemachten Berichte esoterisch angehauchter Autoren über Gotteserfahrungen im Rahmen von Nahtoderfahrungen.

Die folgenden exemplarischen Beispiele mögen dennoch einen Eindruck davon zu vermitteln, wie man sich eine solche Erfahrung vorstellen kann.

Gotteserfahrung einer Zen-Schülerin 

"Im Nichts angekommen, wird alles zu nichts. Es gibt hier kein Gesetz, kein Gut und Böse, kein Leben und keinen Tod. Keinen Gott, keine Erlösung, keine Sünden, kein Karma. Keine guten und keine bösen Absichten, keine Vorstellungen mehr, keine Werte mehr. Kein Morgen und kein Gestern. Nur dieser eine wunderbare Augenblick. Ich bin absolut frei. Es ist mein Zuhause, es ist unser aller Zuhause. Es gibt nichts, keinen Menschen, kein Ding, kein Tier, kein Staubkorn, das nicht aus ihm entspringt. Es ist wunderbar. In mir ist absoluter Frieden und Liebe."

Willigis Jäger, Geh den inneren Weg – Texte der Achtsamkeit und Kontemplation, Herder, 2019, Seite 16f

Gotteserfahrungen im Nachgang einer Yoga Klausur

"(...) sie führte in eine immer größer werdende Bewußtheit und zu einer geistigen Wachheit, ja, zu einer Über-Wachheit. Am Ende kam es zu einer raum und -zeitlosen Erfahrung des 'Kosmischen Bewußtseins'. Die Erfahrung dort war: ich bin eins mit Allem, mit dem gesamten Kosmos, ich bin reines Sein. Der Zustand dauerte vielleicht 20 oder 30 Minuten, es hätte auch eine Ewigkeit vergangen sein können, es war ja ein Zustand der Zeitlosigkeit. Hier hatte es auch kein 'Ich-Gefühl', keine Ich-Erfahrung mehr gegeben."

"In der ersten 'Erleuchtungsstufe' erfährt die sich hingebende Seele sich als eins mit dem ganzen Universum, als nichtgetrenntes Sein in allem Sein. Mystiker bezeichnen diesen Seinszustand als frei von Raum und Zeit, als wären Augenblick und Ewigkeit während der Erleuchtung verschmolzen. Dieser Erfahrungs- und Kenntniszustand wird innerhalb der Kirchen als 'kosmisches' oder auch als 'ozeanisches Bewusstsein' bezeichnet." 
"Zuerst befand ich mich im Zustand des kosmischen Bewusstseins, es gab kein Ich-Bewusstsein mehr, nur noch Sein in raum- und zeitloser Seligkeit. Das Empfinden war eine gegenstandslose Wirklichkeit. Aus dem Nichts heraus war plötzlich Liebe da, unbeschreibliche, unvorstellbare Liebe. Sie kam völlig überraschend, füllte das ganze Wesen aus und verdrängte so den vorigen Zustand des kosmischen Bewusstseins. Und diese Liebe wuchs ins Unendliche, aber zeitlos wie eine Explosion, bis nur noch Liebe da war, absolute Liebe. Dieser Zustand absoluter Liebe ist nicht mit Worten oder Begriffen beschreibbar, aber er war anders und vollkommener als die Seinserfahrung im kosmischen Bewusstsein. (...) Er hat die absolute kosmische Liebe, die Erfahrung des Einsseins mit allen Wesen und mit allem, was ist, also auch mit dem allgegenwärtigen Schöpfergeist, erlebt und erfahren. (...)
In der dritten Erleuchtungsstufe verwandelt sich das Bewusstsein erneut. (...) Hierfür ein Gleichnis: Wie, wenn das Licht unserer Sonne in die noch größere Zentralsonne hineinstürzt - mit Ihrer ganzen Substanz und nun Licht zu dieser wird, so könnte man den Wandel vom Christusbewusstsein zum All- Bewusstsein darstellen. Für die Seele, die vorher mit allen Seelen und mit der Allseele eins war, ist es, als wenn diese Seele nun in die Weite des Kosmos hinaus explodiert und zur Weite des Kosmos wird, mit der Erfahrung des 'Alles und des Nichts' im Zustand des Nirvana. Der aus dem Nirvana wiedergeborene wird berichten, dass da nichts mehr war, auch kein Urgrund, auch kein Welt-Ethos, auch kein Gott mehr. Die letzte bezeugbare und personale Gotterfahrung war noch in der Liebes-Seligkeit im Christusbewusstsein. So mag das Christusbewusstsein die Stufe sein, auf der eine personale Gotteserfahrung durch die Liebe noch möglich ist. Doch im All-Bewusstsein und schließlich im Nirvana wird alles apersonal."

Hartmut Neumann, Das neue Gottes- und Menschenbild, » Link...

Einordnung von Gotteserfahrungen

Gotteserfahrungen sind subjektiv und nicht überprüfbar. Wir wissen nicht, ob die Personen die Erfahrungen tatsächlich gemacht haben oder ob die Berichte ihrer Phantasie entsprungen sind. Es ist dennoch interessant festzustellen, dass die Erfahrungen unabhängig vom Kontext gewisse Parallelen aufweisen:

Beurteilung. Berichte über Gotteserfahrungen sind zwar kein Beweis, aber immerhin ein mögliches Indiz dafür, dass jenseits unserer Alltagserfahrung ein für Menschen grundsätzlich zugänglicher 'Erfahrungsraum' existiert – wie immer dieser zustande kommen mag. Die Mystiker und Religionsstifter haben in dieser Erfahrung das Absolutum, den Urgrund bzw. die Quelle allen Seins erkannt. Sie haben ihrer Erfahrung unterschiedliche Namen gegeben und ihren Mitmenschen kulturspezifische Zugänge dazu aufgezeigt, es scheint sich aber letztlich um die gleiche Grunderfahrung zu handeln.

» Gottesbeweise / » Rede von Gott / » Gottesverständnis im Christentum / » Theodizee / » Gnade / » Absolutum im Buddhismus / » Position des Atheismus / » Schlussfolgerungen

Version vom 16. August 2020

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