Individuelle, situative und kulturelle Faktoren

Systematische Schwächen des Menschen

Ursachen für unethisches Verhalten in Unternehmen

Wo liegen die Ursachen für unethisches Verhalten in und von Unternehmen?
Was hat das mit der Grundveranlagung von uns Menschen zu tun?

Individuelle, situative und kulturelle Faktoren

In den Grundlagen zur Ethik werden als mögliche Ursachen für unethisches Verhalten individuelle, situative und kulturelle Faktoren identifiziert (» Menschliche Antriebsfaktoren). Auf die Wirtschaft bzw. die Unternehmen angewendet, lassen sich diese wie folgt darstellen.

Individuelle Faktoren

Persönlichkeit

Wie bereits festgestellt, gibt es Menschen, die eher zu unethischem Verhalten neigen als andere, z.B. Personen, die ihre eigenen Ziele und Interessen über diejenigen anderer Menschen und der Umwelt stellen.

Berufliche Situation

Auch die berufliche Situation ist ein wichtiger Faktor: Ein Verkaufsmitarbeiter beispielsweise, der in einem von Korruption geprägten Umfeld hohe Verkaufsziele erfüllen muss, ist ethischem Fehlverhalten mehr ausgesetzt als andere Mitarbeiter. Hinzu kommt vielleicht noch eine schwierige persönliche oder familiäre Situation, z.B. Kinder in einer teuren Ausbildung, ein Elternteil im Spital, oder die Abzahlung eines Kredits für ein Auto oder ein Haus.

Systematische menschliche Schwächen

Nicht zu vergessen sind auch die systematischen Schwächen von uns Menschen (» siehe unten).

Situative Faktoren

Kombination von Faktoren

Inwieweit Mitarbeiter Handlungen zum Schaden des Unternehmens, der Gesellschaft oder der Umwelt ausführen können, hängt einerseits von den Systemen, Strukturen und Prozessen im Unternehmen ab, andererseits von der jeweiligen Funktion der Mitarbeiters sowie den möglichen Konsequenzen eines Fehlverhalten.

Existenz und Durchsetzung von Regeln

Es ist in dem Zusammenhang beispielsweise relevant, ob in einem Unternehmen ein Ethik-Kodex, eine klare Kompetenzreglung sowie ein Vier-Augen-Prinzip existieren und ob diese auch konsequent durchgesetzt werden. Wird beispielsweise die Bestechung von Amtsträgern stillschweigend zur Kenntnis genommen oder hat dies die Entlassung des Mitarbeiters zur Folge?

Anreiz-, Entlöhnungs- und Beförderungssysteme

Ein weiterer zentraler Punkt sind die Anreiz-, Entlöhnungs- und Beförderungsstrukturen im Unternehmen. Verleiten die Anreizstrukturen zu unethischem Verhalten (z.B. Bestechung von Amtsträgern)? Wer erhält aus welchem Anlass eine Lohnerhöhung? Welchen Stellenwert hat bei Beförderungen die Integrität der Personen?

Aus der Praxis. Viele Unternehmen machen es sich an dieser Stelle zu einfach: Sie lassen die Mitarbeiter einen Ethik-Kodex unterschreiben, bürden ihm aber Ziele auf, die er oder sie je nach Kontext kaum erreichen kann. Verschärft wird eine solche Situation oft noch durch einen hohen variablen Lohnanteil (Bonus). Wird einem Mitarbeiter Fehlverhalten (z.B. Bestechung) nachgewiesen, wird er entlassen. Das Management kann sich auf den Standpunkt stellen, dass der Mitarbeiter ja den Ethik-Kodex unterschrieben habe und wälzt so die Verantwortung ab.

Kulturelles Umfeld – Unternehmenskultur

Die Unternehmenskultur hat einen zentralen Einfluss auf das ethische Verhalten der Mitarbeiter. In einer egoistischen Kultur, in der jeder nur für sich schaut, ist die Wahrscheinlichkeit für unethisches Verhalten höher als in einem Unternehmen mit einer kooperativen Kultur.

Der Faktor Menschen im Wirtschaftsleben

Wie bereits in den Grundlagen der Ethik (» Menschliche Antriebsfaktoren – warum handeln Menschen unethisch?) festgestellt, hat der Mensch eine Tendenz zu systematischen Charakterschwächen, wie sie z.B. die katholische Morallehre in den 'Sieben Todsünden' oder der Tibetische Buddhismus in den 'Fünf Geistesgiften' zusammenfasst. Im Wirtschaftsleben können sich die Auswirkungen dieser Schwächen wie folgt manifestieren (am Beispiel der Fünf Geistesgifte):

1. Anhaftung

Geiz, Habgier, Änderungsresistenz

Gier nach immer mehr und immer grösser, trotz beschränkter Ressourcen. Gewinnmaximierung und rücksichtlose Durchsetzung von Unternehmensinteressen auf Kosten von Umwelt, Gesellschaft, Lieferanten, Kunden und Mitarbeitern.

Selbstbedienungsmentalität des Top-Managements im Hinblick auf Löhne und Boni – aus Habgier und zur Befriedigung persönlicher Eitelkeiten.

Betrügerische Handlungen zum Schaden des Unternehmens, wie z.B. die Unterschlagung von Geld sowie die aktive und passive Bestechung in Verkauf bzw. Einkauf.

2. Abneigung

Ausgrenzung, Zorn, Rachsucht

Aktive Behinderung der Konkurrenz, z.B. durch Dumpingpreise oder ungerechtfertigte Gerichtsverfahren.

Wirtschaftsspionage.

Geringschätzung und Ausgrenzung von Mitarbeitern, die die gewünschte Leistung nicht erbringen oder 'nicht ins Team passen'.

3. Eifersucht 

Neid, Missgunst

Lohnexzesse auf Managementebene aus Neid über die Löhne von anderen Führungskräften.

Intrigen zum Schaden von Kollegen, die erfolgreicher sind als man selbst.

4. Stolz

Eitelkeit, Masslosigkeit, Arroganz

Anstreben von Einkommen, Status und persönlicher Macht um jeden Preis.

Unternehmenszusammenschlüsse und Akquisitionen, unabhängig von deren wirtschaftlicher Sinnhaftigkeit.

Arrogantes Auftreten von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern. Ideen und Vorschläge von Mitarbeitern werden nicht Ernst genommen.

5. Ignoranz

Fehlende Einsicht in die Dinge, wie sie wirklich sind

Realitätsferne Einschätzung des Geschäftsgangs bzw. unrealistische Geschäftsziele.

Management-Entscheide, z.B. für Akquisitionen auf der Basis von realitätsfernen Einschätzungen und Annahmen.

Fehlende Einsicht des Managements in unternehmensschädigendes Verhalten.

» Was kann unternommen werden, um die Situation zu verbessern?

Version vom 27. Juli 2020

espirit.ch